Call for Contributions trans22 haltung

21.11.2012

22. Oktober 2012 – Eingabefrist (Abstract)
14. Dezember 2012 - Eingabeschluss des vollständigen Papers

Hand aufs Herz. Wie viel Zeit verbringst du noch mit deiner Familie oder Freunden? Stunden arbeitest du an irgend einem Projekt, stehst Tag und Nacht in der Werkstatt oder sitzt an deinem Schreibtisch. Und wozu? Für ein bisschen Anerkennung durch deinen Professor? Für einen Beruf, bei dem auch später die zu tragende Verantwortung selten angemessen honoriert wird? Viele knicken angesichts dieser Umstände ein, verlieren die anfangs gesetzten Ziele aus den Augen und geben auf. Andere stellen sich diese Fragen gar nicht erst und fügen sich opportunistisch der vorherrschenden Praxis. Einigen jedoch gelingt es, an dieser Auseinandersetzung zu wachsen und entwickeln eine eigene Haltung. Keine Frage, dieser Weg ist nur mit viel Idealismus bestreitbar.

Als Guillaume Apollinaire vor knapp hundert Jahren sein ‹esprit nouveau et les poètes› niederschrieb, war er von einer festen Idee geleitet. Er wollte alle Ansichten der damaligen Avantgarde bündeln und ihnen eine Form geben. Dabei sollte der Dichter, im Dienste der Wahrheit, die Menschheit in ein neues Zeitalter leiten. Geschaffen hat er ein Manifest, das einige der wichtigsten Bewegungen der Moderne entscheidend beeinflusste. Von Marinettis Futuristen, die mit überhöhter Geschwindigkeit die Vergangenheit zu überwinden versuchten, über Dadas Künstler-Revolte gegen die Kunst selbst, bis hin zu Bretons Surrealisten, deren Suche nach der eigentlichen Wirklichkeit des Menschen in die Untiefen des Überbewussten führte. Allen gemein war die Idee einer neuen Gesellschaft, befreit von den Zwängen des vergangenen Jahrhunderts und getragen durch eine universelle Sprache in Literatur, Kunst und Architektur. Diese Visionen und Vorstellungen konnten aus heutiger Perspektive allerdings nicht verwirklicht werden. Den neuen Menschen, die neue Gesellschaft, den neuen Stil gibt es nicht.

Heute scheint alles verhandelbar. Der Idealismus ist tot oder zumindest erfolgreich integriert in die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Eine Position gilt nur, solange sie sich vermarkten lässt. Das Internet als grosser Katalysator hat diesen Prozess in den letzten Jahren derart beschleunigt, dass wir unseren Halt zu verlieren drohen. Doch brauchen wir diesen Halt oder eine eigene Haltung überhaupt noch? Und muss man sich für die eine Haltung entscheiden oder generiert sich diese jederzeit beliebig neu? Stellen womöglich gerade die heutigen Bedingungen eine neue Chance dar, hundert Jahre nach Apollinaire, die Zwänge der vergangenen Jahrhunderte endlich zu überwinden?

Für die Auseinandersetzung suchen wir Positionen, Thesen und Perspektiven. In ihrer Form divers und ihrem Inhalt entsprechend, können sowohl wissenschaftliche Arbeiten, persönliche Essays, Traktate, Portraits, als auch Grafiken, Fotostrecken oder Bildcollagen eingereicht werden. Zunächst sind wir an einem kurzen Beschrieb Ihres Beitrages in Form eines Abstracts interessiert. Dieses sollte maximal eine A4- Seite bzw. 600 Wörter umfassen, möglicherweise ergänzt durch wenige Bilder.