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Wo immer etwas aus der konkreten Welt in ein abstraktes System übertragen wird, findet ein Übersetzungsprozess statt. Jede kulturelle Handlung und alles Schaffen beinhalten eine solche Übersetzung. Erst auf diese Weise können wir unsere Umwelt erfassen und Zusammenhänge erkennen, die wiederum unser eigenes Verhalten prägen.

Neues zu schaffen bedeutet, von einer Beobachtung, einem Gedanken oder einer Inspiration auszugehen und ihm einen Ausdruck zu geben. Obdabei einem Thema oder - in der Architektur besonders wichtig - einem Programm Gestalt verliehen wird ist weniger entscheidend als der Vorgang der Formfindung selbst. Er ist die eigentliche Arbeit, von der das Ergebnis nur einen kleinen Ausschnitt widerspiegeln kann. Die Techniken, derer man sich dabei bedient, sowie die Inspiration, von der ausgegangen wird, stellen bereits die wesentlichen Bestandteile dar. Sie sind subjektiv ausgewählt, angewandt und stets diskutabel. Die Frage nach dem Übersetzen in der Architektur ist also die Frage nach dem Entwerfen, dem eigentlichen Kreieren selbst. Themen einer Übersetzung können auch politische Motivationen sein, die ihren Ausdruck in spezifischen Formen finden, wie beispielsweise die absolutistische Gesellschaft im zentralistischen Städtebau. Oder Emotionen vermittelnde Motive, wie etwa die Technikbegeisterung in der Objektplanung der Moderne, die sich in der Gestaltung ihrer Zeit wieder findet. In beiden Fällen wurde von einem Grundgedanken ausgehend dessen architektonische Entsprechung gesucht.

Welche Einflüsse regen derzeit Architekten, Stadtplaner und andere Gestalter an und was drücken deren Werke heute aus? Sind es weiterhin soziale Gegebenheiten, die sich im Städtebau wiederfinden und gibt es in der Objektplanung spürbare Gemeinsamkeiten?

Anfänglich fällt es schwer, die jetzige Lage überhaupt zu beobachten, da der Blick auf die gegenwärtige Architektur, ohne einen klärenden zeitlichen Abstand, vor allem der Blick auf eine grosse Vielfalt bedeutet. Die Postmoderne hat die Auflösung bisher selbstverständlicher Kategorien mit sich gebracht und die zur Beurteilung notwendigen Parameter scheinen zu fehlen. Dennoch wird heute, wie früher, mittels Architekturtheorie oder Entwurfslehre eine Definition für den Prozess der Gestaltung gesucht.

Für dieses Heft haben sich einige Autoren mit solchen Übersetzungstheorien beschäftigt und sie anhand unterschiedlicher Bauten erklärt. Dafür wurden Altmeister der Kunstgeschichte im Hinblick auf zeitgenössische Architektur befragt und für intellektuelle Theorien gebaute Beispiele gesucht. In diesen Beiträgen geht es vor allem um die jeweilige Technik der Übersetzung.

Weiter wurde gefragt, ob sich die Architektur der bisher verwendeten Sprache noch bedienen sollte oder ob die Übersetzung fachübergreifend gestaltet sein kann, um so den aktuellen Anforderungen interdisziplinär gerecht zu werden.

Einen anderen Schwerpunkt haben Autoren bearbeitet, die sich über das, was Ausgangspunkt des Entwerfens war, oder werden könnte, Gedanken gemacht haben. Es können Einflüsse aus der Kunst oder auch ein einfacher Irrtum, die Musik oder der eigene kulturelle Hintergrund in Formen übertragen werden. Die jeweilige Inspiration und das Ergebnis können so nebeneinander gestellt werden.

Gemeinsamer Nenner aller Überlegungen ist es, nicht bestimmte Theorien oder Positionen zu vertreten, sondern vielmehr die eigentliche Rolle der Architektur und ihre Aufgaben neu zu überprüfen. Anstelle allgemeingültiger Überzeugungen sind eher Möglichkeiten dargestellt, ohne jedoch in Beliebigkeit zu verfallen. Ganz im Gegenteil, der entscheidende, aber vollkommen subjektive Einfluss des Schaffenden wird kaum thematisiert, stattdessen wird das Augenmerk auf die Auswahl möglichst „objektiver" Parameter wie Ort und Aufgabe - und eben Übersetzungstechniken - gerichtet. Diese leichte Entmystifizierung des kreativen Aktes wird jedoch mit einer grossen Auswahl theoretischer Bezugsmöglichkeiten ergänzt. Es stehen einerseits nüchterne, programmatische Anforderungen im Vordergrund, deren Um- oder Übersetzung jedoch andererseits äusserst subjektiv erfolgt. Hierfür können meist Zitate oder Versatzstücke ganzer Theorien verwendet werden, deren freizügige Anwendung das eventuelle Rückübersetzen unmöglich macht. Vielleicht könnte dieses fragmentarische Inbeziehungsetzen auch auf eine gemeinsame Haltung in der heutigen Architektur verweisen. Zumindest in diesem Heft scheinen pragmatischer Ansatz und freie künstlerische Umsetzung zusammenkommen zu wollen. Ob hier ein Verweis auf Individualisierung, Crossover und Sampling angebracht ist und so Strömungen der jetzigen Gesellschaft in der Architektur entdeckt werden können, sei dem Transscriptionsswillen der Leser überlassen. In jedem Fall bieten die unterschiedlichen Annäherungsweisen eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, mit der Architektur.

Published in April 2004

Contributors

Tina Unruh, Patrie Unruh, Nicola Braghieri, Marc Angélil, Oya Atalay Franck, Klaudia Hornung, Susanne Kremberg, Ivica Brnic, Florian Graf, Wolfgang Rossbauer, Gabriela Barman-Krämer, Jens Giller, Spartaco Paris, Philip Loskant, Ole W. Fischer, Kai Strehlke, Russell Loveridge, Maren Jana Scheibner, Dana Widawski, Jörg Himmelreich, Sascha Roesler, Andrea Deplazes, Nicolas Gilsoul, Nicola Braghieri, Lothar Schmitt, Anne Vonèche, Stefan Kurath

Editorial Team

Harald Bindl, Jørg Himmelreich, Salome Kuratli, Fiorenza Praccini, Janet Schacke, Kathrin Siebert, Patric Unruh, Tina Unruh


Table of content

Theorie und Technik : in der architektonischen Planung

Grenzüberschreitungen : handwerkliche, intellektuelle und intuitive Entwurfsstrategien

Von singenden Linien zu schweigenden Räumen

Und sie bewegt sich doch!

L'architecture pour l'architecture?

Considering urban design as the "art" of designing cities

TransLate!

Absolute Architektur : die Geburt der Moderne aus dem Geist der Musik

The Rustizierer : a dimensional translation of antiquity into technology

Schwache Architektur : findet die Kunst im individuellen Ausdruck Allgemeingültigkeit?

Linie und Fragment : die Suche nach der perfekten Linie

Informel 3D : Einflüsse der Kunsttheorie auf die Architektur Franz Krauses

Das Irrtum als Prämisse und Potential des Entwurfs

Capturé vivant : vers une traduction du shakkei au Japon

trans-ducere, trans-mandare, trans-dare

Die wortreiche Stadt : von der Urbanitas zur Urbanität

Le jardin alpin, un jardin imaginaire?

Hypertext: übersetzt, übersetzt, übersetzt : Tendenzen